Kalks Neue: Die Stadtteilbibliothek

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  • 22. Februar 2019
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Text: Valeria Bilder: Jan

Es liegt noch ein bisschen Schnee von gestern herum. Der perfekte Tag also, an der Haltestelle Kalk Kapelle auszusteigen und in Richtung Zukunft zu gehen. Zumal der Fußweg ins Übermorgen von hier aus angenehm kurz ist: Etwa 150 Meter und zwei Türen, bis wir die erstaunliche Stadtteilbibliothek Kalk betreten – den „Dritten Ort“ des Veedels.

DRITTER ORT: Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg prägte 1989 den Begriff „Dritter Ort“ als einen Ort neben dem Zuhause (Erster Ort) und dem Arbeitsplatz oder der Ausbildungsstätte (zweiter Ort). Dritte Orte sind, wie eine Bibliothek oder aber Cafés und Einkaufszentren, Lebensräume, in denen man sich vorübergehend aufhält – zum Zwecke des Aufenthalts.

Spielen und pauken – aber stylisch

Erstaunlich ist, dass es hier überhaupt Bücher gibt. Eher erwartet hätten wir eine Kaffeebar, vielleicht ein paar bärtige Brillenträger mit sehr schlanken Laptops. Verteilt auf den schmucken, senfgelben und türkisen Sitzgelegenheiten, die unter ausladenden Industrielampen auf modern interpretierten Orientteppichen stehen jedoch: Kinder über Kinder. Die älteren Kinder und Jugendlichen haben weitere Tische in Beschlag genommen, machen ihre Hausaufgaben oder quatschen. Die Jüngeren spielen, am liebsten auf dem riesigen Stoff-Hasen zwischen den Bücherregalen. Nima und Ali gehören zu den Älteren. Sie kommen jeden Tag nach der Schule in die Bibliothek und lassen es heute ruhig angehen an diesem lebhaften Ort. Zusammen mit ihren großen Rucksäcken haben sie es sich vorne auf der Couch gemütlich gemacht.

Nima und Ali sind gerne in der Stadtteilbibliothek

ESSEN ERLAUBT: Getränke und Speisen dürfen mitgebracht und verzehrt werden, sofern die Speisen nicht warm sind und die Gäste sorgfältig mit den Lebensmitteln umgehen. 

Im Study Room ganz hinten indessen: Lernfrust. „Ich hasse Stochastik“, raunt eine etwa 15-Jährige ihrer Freundin zu. Danach verschwinden ein paar Chips in ihrem Mund und der Rentner gegenüber am Tisch blättert seine Zeitung um. Der Tag ist noch jung, die Studenten und Berufstätigen kommen erst noch.

Technik für alle

Oliver Achilles leitet die Stadtteilbibliothek in Kalk, die im September 2018 neu eröffnet wurde. Er verrät uns: Die Hauptzielgruppe, das sind die Kalker Kinder und Jugendlichen, würde seitdem auf jeden Fall erreicht. Für sie ist die Bibliothek ein Treffpunkt, ein Spielplatz an dem sie manchmal auch den ganzen Tag mit Büchern, Spielen oder in Workshops verbringen. In diesen Workshops lernen sie zum Beispiel mit VR-Technologien umzugehen, den 3D-Drucker zu bedienen, Fotos und Filme aufzunehmen aber auch Animationen mit dem Tag Tool herzustellen – die dann an eine eigens konzipierte Leinwand projiziert werden.

Leitet die Stadtteilbibliothek in Kalk: Oliver Achilles

Ob künftig eine Ölpresse für die vielen Oliven im lauschigen Innenhof angeschafft wird, stehe noch nicht fest, stillt Oliver unsere Neugier. Die Liste der technischen Ausstattung ist trotz fehlender Ölpresse beeindruckend. Abgerundet wird sie mit Experimenten und Vorlesestunden von Ehrenamtlern, die Olivers Team auch bei der täglichen Bibliotheks-Arbeit unterstützen. 

OPEN LIBRARY: Eine erweiterte Form der automatisierten Selbstbedienungsbibliothek. Mit ihrem Bibliotheksausweis können Nutzer die Räumlichkeiten so auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten und ohne Servicepersonal betreten und Bücher automatisiert ausleihen.

Ausgerechnet Kalk

Und selbst, wenn mal keiner Zeit hat oder der Feierabend eingeläutet wurde, bleibt die Bibliothek zugänglich. Sie ist die einzige in Köln, die als Open Library geöffnet ist – also unabhängig von den Angestellten vor Ort. Weil es Schade wäre, die Nutzung eines so tollen Ortes an Öffnungszeiten scheitern zu lassen, sagt Oliver und wir stimmen zu. Die Gäste gingen sorgsam mit diesem Vertrauensvorschuss um und kümmern sich auch bei sturmfreier Bude darum, dass die Bibliothek so schön bleibt wie am ersten Tag.

Warum ausgerechnet Kalk, fragen wir Rita Höft, die das dezentrale Bibliothekssystem der Stadtbibliothek Köln leitet. „Gerade Kalk!“ Antwortet sie, ohne zu zögern. „Hier passiert unheimlich viel. Es gibt wahnsinnige Gegensätze und ganz viel Zusammenarbeit, deswegen war die Entscheidung ganz bewusst: Wir machen das hier in Kalk.“ Als seinerzeit klar wurde, dass Teile der Bibliothek renoviert werden mussten, kam der Stein für Kalk schnell ins Rollen. Schließlich wurde der niederländischen Design-Guide Aat Vos mit dem Design-Thinking-Prozess für die neue Stadtteilbibliothek betraut. Die Ideen von Kunden, Mitarbeitern und Kalker Bürgern wurden in die Neugestaltung einbezogen. Die Bibliothek – ein kölsches Original.

DESIGN THINKING: Die Methode basiert darauf, Innovationen hervorzubringen. Diese Innovationen orientieren sich immer am Nutzer und wollen dessen Bedürfnisse befriedigen. Um dies zu gewährleisten, greift Design Thinking auf kreative Denk- und Arbeitsmethoden von Designern zurück.

Abgefahren – aber auf dem Teppich geblieben

So innovativ die Bibliothek daherkommt, so traditionell ist sie geblieben, was ihre Kernkompetenz angeht: Bücher. Zu lesen und zu leihen gibt es alles Mögliche aus den Sparten Fantasy, Historisches, Krimi, Kinderbücher, Jugendbücher, Sachbücher, Sprachlernkurse, Reiseführer und klassische Brett- und Kartenspiele. Was nicht vorrätig ist, wird aus dem Bibliotheken-System nach Kalk bestellt und ist im Handumdrehen abholbereit. Klingt verlockend? Hier findest Du weitere Informationen zur Mitgliedschaft bei der Stadtbibliothek Köln.

Stadtteilbibliothek Kalk
Kalker Hauptstr. 247 – 273
51103 Köln

Webseite

Mo – Fr 10 bis 19 Uhr
Sa 10 bis 14 Uhr

Servicezeiten mit Personal:
Di + Mi 12 bis 18 Uhr
Do 11 bis 19 Uhr
Fr 10 bis 18 Uhr
Sa 10 bis 14 Uhr
Außerhalb der Service-Zeiten kommt man nur mit Bibliotheksausweis in die Bibliothek.

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