Camilo – Der Animator

Text & Bilder: Valeria

Als Animator erweckt Camilo Zeichnungen zum Leben. Vor zwei Jahren haben er und seine Kollegen von „Vamos Animation“ Büroräume inmitten des ehemaligen Werksgeländes der Deutz AG in Mülheim bezogen und verfolgen seitdem die radikalen Änderungen und Umbrüche vor Ort.

Zum brasilianischen Kaffee gibt es brasilianische Schokolade. Die ersten wirklich warmen Sonnenstrahlen des Jahres durchleuchten das Büro von Camilo inmitten der weitläufigen Industriebrache an der Deutz-Mülheimer Straße. „Meine Kollegen reisen viel“, erklärt er mir und deutet auf unsere „Merienda“. Camilo selbst kommt aus Kolumbien, wo der Kaffeeklatsch am Nachmittag genauso beliebt ist wie hier, im PLZ-Bereich 51063. 

Günstige Büros statt Gasmotoren

1869 zog die Deutz AG nach Mülheim, verlegte ihren Stammsitz 2007 nach Porz. Hier, auf dem ehemaligen Mülheimer Werksgelände des Gasmotorenherstellers, haben sich inzwischen viele Künstler und Filmschaffende, Bühnenbildner und Fotografen eingemietet. Seit 2016 auch Camilos Firma „Vamos Animation“. Die Büroschlüssel gehen seit ein paar Jahren von Hand zu Hand: Freunde haben Camilo die Räumlichkeiten überlassen, die groß genug sind, super gelegen und vor allem günstig. Als Südstädter hat Camilo noch die längste Anfahrt. 20 Minuten mit dem Fahrrad, überschlägt er grob. Die anderen wohnen in Mülheim, Kalk und in der Gegend um den Neumarkt. Im KunstWerk nebenan war kein Platz mehr frei und die Wartelisten seien lang, erzählt Camilo. In Köln fehle es einfach an bezahlbaren Atelierräumen.

Gekocht wird in der Büroküche

Einen Hausmeister gibt es hier nicht, lediglich jemanden, der die WCs reinigt. Zersprungenes Fensterglas und besprühte Wände in den Fluren lassen nicht einmal das vermuten. Wie viele Gebäude auf dem ehemaligen Werksgelände macht dieses auf den ersten Blick einen heruntergekommen und verlassenen Eindruck. Die hellen, gemütlichen Büroräume und perfekt ausgestatteten Arbeitsplätze setzen den Kontrapunkt. Wir setzen uns auf die Couch. Der selbstgebrühte Kaffee aus Brasilien schmeckt und das muss er auch, denn Alternativen gibt es hier im Brachland nicht: „Wenn Du mal ‘n Kaffee trinken willst, machst Du ihn dir selber. Oder du fährst halt bis zur Deutzer Freiheit“, wo es die nächsten Cafés und Eisdielen gibt. Wer zum Geldautomaten muss, radelt in die Stegerwaldsiedlung nebenan. Die Rohstoffe für das Mittagessen kommen vom Lidl gegenüber, gekocht wird in der Büroküche.

Umbrüche und Lidlkassen

Dass sich irgendwo auf dem Gelände etwas tut, wird für Camilo und seine Kollegen oft an den Lidlkassen sichtbar: „Dann ist der Laden voller Bauarbeiter!“ Vieles hier ist im wahrsten Wortsinn im Umbruch befindlich: „Manchmal, wenn ich ins Büro kam, lag da, wo am Vortag noch ein Gebäude stand, nur noch ein Haufen Schutt und Steine“ sagt Camilo. Er kennt sich bestens auf dem Areal aus, weiß, wo in naher Zukunft Co-Working Spaces, Hostels, Kindertagesstätten und Wohnungen entstehen werden. Die zuständige Baufirma hat 2017 mit den Abbrucharbeiten auf dem Areal der Deutz AG begonnen und für die Projektlaufzeit angrenzende Büroräume bezogen. Gemeinsam mit der Stadt Köln hält sie die Mieter seitdem auf dem Laufenden. Auch die Büros von Vamos Animation werden bald nur noch Schutt und Asche sein. Halb so schlimm, findet Camilo. Zwar hätten sie auch in die chicen Co-Working Spaces einziehen können, die in den benachbarten denkmalgeschützten Fabrikhallen entstehen. Aber „wer soll das bezahlen?“ sagt er und lacht. Stattdessen siedeln sie um in ein Gebäude nebenan, das nach langem Leerstand gerade renoviert wird. „Die Miete wird jetzt etwas teurer aber immer noch bezahlbar“.

Ein Blick nach Bogotá

Er steht dem Ganzen Vorhaben optimistisch gegenüber und hat sich schon oft gefragt, wie es möglich ist, dass so nah am innerstädtischen Bereich so viel Brachland und Leerstand geduldet wird – wo Menschen gerade innenstadtnahen Wohnraum nötig hätten. In seiner Heimat Bogotá müssten die Städter Arbeitswege von 1,5 Stunden oder mehr einplanen, weil viele Flächen ungenutzt blieben, erzählt Camilo. Auch die Innenstadt von Bogotá sei nach Feierabend völlig leblos,  weil sie allein aus Verwaltungsgebäuden bestünde. Dass sich hier in Mülheim nun alles mischen soll und zumindest das erhalten bleibt, was noch in Schuss ist, findet er gut.

Wie es bei Vamos weitergeht

Der Kaffee ist längst ausgetrunken. Bevor ich mich von Camilo verabschiede, lasse ich mir noch verraten, woran Vamos Animation gerade tüftelt: Eine Reihe nonverbaler Kurzfilme, die das Goethe Institut für verschiedensprachige Flüchtlingskinder in Auftrag gegeben hat, sind auf verschiedenen Festivals zu sehen. Die gesammelten Kurzfilme ergeben den Langfilm  „Grenzenlos – Geschichten von Freiheit & Freundschaft“, der seit Mitte März in der Filmpalette auf der Lübecker Straße gezeigt wird. Der nächste Streich wird obskur, deutet Camilo an. Er möchte die Ölmalerei eines befreundeten Künstlers animieren.

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